Das bedrohliche Kopftuch

Nachdem es in allen Medien hallt: „Kopftuchverbot für Lehrerinnen in Deutschland gekippt“ kommen nun die Diskussionen darüber, wann eine Gefährdung für den Schulfrieden vorherrscht und somit die Schule berechtigt wird, doch ein Kopftuchverbot auszusprechen. Schon allein, dass viele Schulleiter sich äußern, nicht genau einschätzen zu können, wann eine Gefahr vom Kopftuch ausgeht (Artikel in DTN), zeigt den Unwillen über das Urteil und die aktive Suche nach einer potenziellen Gefährdung. Hinter dieser „Ratlosigkeit“ steckt Angst vor einer angeblichen und nicht sichtbaren Gefahr – Angst vor dem Islam.

Schutzmechanismus Angst

Dabei ist diese Ratlosigkeit genauso unnötig, wie diese T-Online-Abstimmung (kleiner Kasten, linke Seite). Wer sich nicht sicher ist, ob eine offensichtliche Gefährdung vorliegt, muss sich eingestehen, dass wohl gar keine Gefahr vorhanden ist. Offensichtliche Gefahr sollte man doch spüren, so wie die Gefahr, wenn man einem wilden Bären im Wald gegenübersteht. Der Körper gibt Signale zur Flucht, alles in ihm wird mobilisiert, Adrenalin, schnellerer Herzschlag, Muskelanspannung, erweiterte Pupillen etc. Angst ist teilweise lebensnotwendig, um nicht „gefressen“ zu werden.

Mag zunächst unpassend klingen, aber Angst ist ein Schutzmechanismus und diesen möchte man nun anwenden, wenn man eine Gefahr im Schulfrieden sieht? Logische Schlussfolgerung: Gefahr erkennen – Angstsymptome spüren – Schutzmechanismus aktivieren. Soweit ist ja alles legitim, aber was, wenn die Angst unbegründet ist?

Medien vs. Erfahrung

Woher kommt diese Angst? Nicht wegen eines Stück Stoffes auf dem Kopf – das wäre absurd. Das Kopftuch symbolisiert den Islam. Und wie wird der Islam bei vielen Außenstehenden gesehen? Durch die Brille der Medien und den spektakulären Berichten über die islamistische Brutalität in gewissen Teilen der Welt, Berichte über unterdrückte Frauen oder Ehrenmorde etc. All das ganze Zeug halt, was angeblich den Islam repräsentieren soll und wovon die Unwissenden ausgehen, dass alle Muslime den Islam so ausleben oder ausleben wollen. Ich brauche hier nicht darauf eingehen, dass seit Jahrhunderten weltweit Muslime ganz friedlich neben Nichtmuslimen leben und einfach nur ihrer Arbeit und dem Familienleben nachgehen. Bei den Milliarden Muslimen weltweit wird mit dem Finger auf die gezeigt, die man gern auch als „Schwarze Schafe der Familie“ bezeichnen kann. Aber das ist ein anderes Thema.

Neutralität vs. Vielfalt

Also, was geht nun in einem Kopf vor, der Angst vor dem Islam hat? Welche Vorstellungen hat dieser, wenn er eine Gefahr im Schulfrieden sieht? Wie sieht diese Gefahr laut seiner Vorstellung aus?

An oberster Stelle wird die Gefährdung der Neutralität geäußert. Wie sieht Neutralität eigentlich aus? Neutral bedeutet frei von ethnischen, religiösen, traditionellen und vorurteilshaften Einstellungen und Beeinflussungen. Da wir Menschen aber nie wirklich neutral, also objektiv denken und handeln, erscheint ein neutrales Schulgebilde eher unnatürlich. Dann gleich Schuluniform, damit kein Trendeinfluss der Mode die Neutralität stört und bitte im Sexualkundeunterricht jegliche „abweichende Sexualgesinnung“ weg lassen, könnte ja die Neutralität durcheinander bringen. Aber ernsthaft:
Vielmehr sollte ein Umgang mit der Vielfalt gelehrt werden, denn im späteren Leben gibt es auch keine Neutralität im Alltag. Vielfalt ist ein Teil des Lebens.

Angst vs. Vernunft

An nächster Stelle rückt, wie im ersten verlinkten Artikel vom Focus, die Sorge, um den Aufstand der Eltern, die gegen ein Kopftuch sind. Dass das den Schulfrieden stören kann, sehe ich absolut ein ABER was kann die kopftuchtragende Lehrerin dafür, wenn Eltern emotional und absichtlich den Frieden stören, anstatt ein ruhiges aufklärendes Gespräch zu führen. Vielleicht ist es gar nicht so verkehrt, auch mal die eigenen Kinder zu fragen, ob sie denn überhaupt ein Problem mit der Lehrerin und ihr Kopftuch haben!

Vielmehr steckt doch nur eine einzige Sorge hinter dem ganzen Aufbäumen: was, wenn die Kinder sich auf einmal für den Islam interessieren oder gar den Wunsch äußern, zu konvertieren? 

Angst

Ja, Angst bedeutet in Gefahrensituationen zu überleben. Angst kann aber auch lähmen, kann zum Stillstand, oder zu Kurzschlusshandlungen führen, die gefährlich für andere werden. Angst kann überhand nehmen und kann eine Unfähigkeit zum rationalen Denken hervorrufen. Angst macht manipulierbar, angreifbar und schwach.

Mit der Angst der Deutschen wurde gespielt, sie wurde gefüttert mit spektakulären Schlagzeilen, am Leben gehalten mit Diskussionsrunden im Fernsehn, aufgebauscht mit künstlicher Meinungsmache politischer Kleingeister.

Ich verstehe die Angst der Deutschen, weil sie für sie real ist und am liebsten will ich sie wachrütteln und sagen: Es war alles nur ein böser Traum! Da ist keine Gefahr! Ihr braucht keine Angst mehr haben! Aber ich habe das Gefühl, dass ich die meisten nicht mehr wach bekomme, ihre Angst hat sie gelähmt und in den Tiefschlaf gebracht.

Das bedrohliche Kopftuch

– klingt wie ein Kriminalroman. Eine erfundene Geschichte, die, wenn man sie liest ein schauriges Gefühl verursacht. Wenn man aber das Buch zuschlägt, verfliegt dieses Gefühl schnell, weil man in die Realität zurückkehrt und erkennt, dass es ja nur eine Geschichte war.

Wird Zeit, dass einige Deutsche das Buch endlich zuschlagen und bei Seite legen, damit sie diese Angst loswerden und wieder in die Realität zurückkehren. Da, wo eine Frau freiwillig ein Kopftuch trägt und gern mit Kindern arbeiten möchte – ihnen Lesen, Rechnen und Schreiben beibringen möchte. Da, wo wegen Lehrermangel mehr Ausfallstunden das Lernniveau unserer Kinder beeinflusst und ein Aufstocken der Lehrerschaft dem entgegen treten kann. Da, wo Vielfalt mehr Wert hat, als Neutralität und da, wo Kinder einfach nur noch gemeinschaftlich stärker, kreativer und toleranter werden, wenn sie dieser Vielfalt ausgesetzt sind.

 

 

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